10 November 2018

Shark-Blogtour: Ein Treffen mit Julian und Merahwi

zur Seite von B.D. Winter
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Zurück in Wien. 
Ich bin ja überhaupt nicht der Großstadtmensch, aber wenn ich die Möglichkeit erhalte, Julian und Merahwi etwas auf den Zahn zu fühlen, dann reise ich doch gerne für einen Tag nach Wien. Der Treffpunkt hier am Donaukanal ist auch sehr schön. Und da sehe ich auch schon Julian und Merahwi herbeikommen. Ich bin ja sehr gespannt, wie die zwei auf unser Gesprächsthema reagieren werden.

Herr Merahwi, Julian, es freut mich, dass ihr trotz eures aktuellen Falls Zeit findet, euch mit mir zu treffen. Mir wurde die Aufgabe gestellt, mich mit euch über ein Thema zu unterhalten, von dem ich glaube, dass ihr gegensätzliche Meinungen haben werdet. Und das erste Thema, was mir dazu eingefallen ist, ist die Geheimhaltung eurer Beziehung.

Julian: Na das kann was werden!

Merahwis Gesichtsausdruck wechselt bei meinem letzten Satz von freundlich zu undurchdringlich. Sein Nasenflügel zuckt, und weder sein Blick noch seine Mimik geben zu erkennen, was er von meiner Ankündigung hält.

Merahwi: Gehen wir woanders hin. Für die 'Summerstage' ist dieses Thema nicht geeignet.

Also wechseln wir das Lokal und sitzen wenig später ebenfalls am Wasser. Mit dem Interview kann ich trotzdem noch nicht beginnen, denn erst erweist sich Merahwi als aufmerksamer Gastgeber. Julian bestellt einen G'spritzten, und jetzt weiß ich endlich, dass sich hinter einem 'Spritzer' eine Weißweinschorle verbirgt. Merahwi trinkt Chardonnay und ermutigt mich, von der Karte zu wählen was immer mein Herz begehrt. Ich folge Julians Beispiel und wähle ebenfalls einen G´spritzten. Die Kellnerin stellt unsere Getränke auf den Tisch, und ich nehme einen zweiten Anlauf, die beiden zu löchern.

Julian, du scheinst ein sehr offener Mensch zu sein, der kein Problem damit hat, seine sexuelle Orientierung offen zu zeigen und sich auch für Homosexuelle stark zu machen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie du auf Merahwis Anweisungen reagiert hast, als er befahl, deine Social Media Seiten zu frisieren. Findest du, dass es der richtige Weg ist, sich zu verstecken, damit Kunden nicht abspringen?

Julian Melnik
Julian: Ich finde es saublöd, sich um Kunden zu bemühen, die mit unserer Homosexualität nicht klarkommen. Wir könnten uns genauso gut auf Schwule oder Minderheiten spezialisieren.

Merahwi: Das könnten wir. Wenn du in einem Hinterhofbüro und zum halben Gehalt arbeiten willst, ich das Team entlasse und schlecht bezahlte Aufträge mit miserablen Erfolgschancen annehme. Du weißt, dass mir dein Idealismus gefällt, aber wenn du ihn zum Broterwerb machst, brennt er dich über kurz oder lang aus. Und mir wären die Fälle schlicht und einfach zu langweilig.

Herr Merahwi, im Gegensatz zu Julian haben Sie sich noch nicht geoutet. Als Grund führen Sie unter anderem an, dass Sie glauben, dass ein wichtiger Teil ihrer Kunden dann nicht mehr zu Ihnen kommt, sondern zu anderen Verhandlungsstrategen abwandert. Ist Ihnen Ihr berufliches Ansehen wichtiger als Ihr persönliches Glück?

Merahwi: Mein persönliches Glück hängt sehr wesentlich von meinem guten Ruf ab. Es geht dabei außerdem nicht nur um mich, sondern ich muss auch auf meine Familie Rücksicht nehmen. Es mag heutzutage relativ leicht erscheinen, sich zu outen, doch hat man diesen Schritt erst einmal gemacht, kann man ihn nicht mehr zurücknehmen. Und ich kenne genügend Männer, die in der Öffentlichkeit stehen und ihn bitter bereut haben.

Also ist Ihnen die Meinung Dritter sehr wichtig? Wichtiger als Ihren Freunden gegenüber ehrlich zu sein?

Merahwi: Sie vermischen zwei Sachen, abgesehen davon verkennen sie mit dieser Unterstellung die Tatsachen. Ja, mir ist die Meinung anderer wichtig, nicht nur die Dritter, sondern die jedes Menschen. Im Gegensatz zu vielen anderen gehe ich nämlich nicht davon aus, dass ich das Zentrum der Welt bin und meine Meinung die allein seligmachende. Ich urteile nie über andere, ohne die Hintergründe zu kennen, und jemanden, den die Werte und die Gründe anderer nicht interessieren, halte ich schlichtweg für ignorant und respektlos. Finden Sie es in Ordnung, wenn ich meine Eltern und Geschwister vor ihren Freunden bloßstellte, nur um nach meiner Façon glücklich zu sein? Haben Sie eine Ahnung, was Homosexualität in der Kultur meines Vaters bedeutet oder wie erpicht man in Süditalien darauf ist, wenn der eigene Sohn Männer liebt? Ich kann von Glück reden, dass mich meine Eltern trotz dieser Enttäuschung lieben, sollte ich ihnen das durch Rücksichtslosigkeit danken? Und woher wollen Sie wissen, ob ich unehrlich zu meinen Freunden bin? Unehrlich wäre ich, wenn ich Julian falsche Hoffnungen machte oder ihn anlüge.

Julian: Das stimmt, Sandro hat mir nie etwas vorgemacht. Er lügt andere mit seinem Doppelleben an, aber nicht mich. Er redet mit mir nicht über das, was ihn bedrückt, aber mit der Meinung Dritter hat das nichts zu tun.

Alexander Merahwi
Merahwi: Sondern ausschließlich damit, Julian zu beschützen und ihn nicht mit Problemen zu belasten, für die er nichts kann und die auch nicht das Geringste mit ihm zu tun haben.

Nein, ich fände es nicht richtig, wenn man nur an sich denken würde. Andersherum allerdings auch nicht. Es ist ein Abwägen. Aber Ihre Gründe sind meiner Meinung nach endlich deutlicher geworden und ich kann Sie so besser einschätzen.
Julians Freunde und auch seine Familie zeigten ja schon durch ihre Reaktionen, was sie von dieser Geheimhaltung finden. Julian, glaubst du wirklich, dass du über Jahre hinweg, eure Beziehung geheim halten könntest? Willst du das überhaupt? Oder einmal ganz direkt gefragt: würdest du Merahwi irgendwann vor die Wahl stellen?

Julian: Es fällt mir ja jetzt schon schwer, aber das war die Bedingung für die Beziehung. Ich hab gewusst, worauf ich mich einlasse. Will ich unsere Beziehung geheim halten? Ein ganz klares Nein. Muss ich es? Ein ebenso klares Ja, und ich kann nicht Sandro vor die Wahl stellen, sondern nur mich selbst. Für mich war schwul zu sein nie ein Problem, ich hab mich schon in der Schule geoutet. Aber das muss freiwillig sein. Wie Sandro schon gesagt hat, man kann nicht sagen, hoppla, ich hab mich geirrt. Bin doch hetero.

Also hängt der Erhalt eurer Beziehung letztendlich davon ab, wie lange du das Versteckspiel durchhältst? Falls sich Merahwi nicht doch noch auf einen etwas offeneren Umgang einlässt.

Julian: So kann man es sagen. Wir sind jetzt gerade mal etwas mehr als einen Monat zusammen und erst dabei, unsere Spielregeln auszuloten.

Merahwi: So ist es. Eine Beziehung muss nicht zu den Vorstellungen Außenstehender passen, sondern denen der beiden Partner gerecht werden. Mir sind Julians Bedürfnisse und Rahmenbedingungen ebenso bewusst wie ihm meine, und wir müssen Wege finden, damit nicht einer von uns auf der Strecke bleibt. Denn das wäre definitiv keine Beziehung, wie ich sie mir wünschte.

Herr Merahwi, mal angenommen, Julian stellt Sie vor die Wahl: Entweder keine Geheimhaltung mehr oder er verlässt Sie. Wie würden Sie darauf reagieren?

Merahwi: Ich würde deshalb nicht aufhören, ihn zu lieben, aber ich würde ihn gehen lassen. Nicht, weil ich ihm böse wäre, sondern weil ich will, dass er glücklich ist. Und wenn ich ihm dieses Glück selbst nicht bieten kann, wäre es falsch, ihn an mich zu binden. Es wirkt vielleicht auf Sie so, als wären mir Julians Bedürfnisse egal, doch in Wahrheit mache ich mir täglich Vorwürfe, nicht der Richtige für ihn zu sein.

Julian: Du weißt aber schon, dass du da einen ziemlichen Mist redest? Du bist der Richtige für mich. Ich geb aber die Hoffnung nicht auf, dass wir uns so nach und nach zumindest mit meinen Freunden treffen. Denen werde ich schon verklickern, dass sie dicht halten müssen.

Ich gebe zu, ich finde diese Geheimhaltung Julian ziemlich unfair gegenüber. Trotzdem hoffe ich, dass ihr mit der Zeit einen Kompromiss findet, der für euch beide „perfekt“ ist. Ein plötzlicher Wertewandel unserer Gesellschaft zum Besseren wäre wohl ein größeres Wunschdenken.
Und jetzt würde ich vorschlagen, wir genießen noch den Abend und reden über angenehmere Themen. Falls nicht noch andere Termine eure Zeit beanspruchen.

Eines muss man Merahwi lassen: So hart und klar seine Ansagen sind, so angenehm kann er auch im sonstigen Umgang sein, und sobald wir das Thema wechseln ist er äußerst zuvorkommend. Er redet vielleicht halb so viel wie Julian, hört mir aber aufmerksam und intensiv zu. Julian steht mir zwar immer noch viel näher, aber es wird trotzdem noch ein vergnüglicher Abend.

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