17 August 2017

{autorentage} Interview mit Barbara Drucker


Isbel: Liebe Barbara, danke, dass auch du dich meinen Fragen stellst. Vom Marchese haben wir schon einiges über dich erfahren. Gibt es etwas, was du richtigstellen oder ergänzen möchtest?

Barbara: Was könnte man schon vor einem Spion seines Kalibers verbergen? Ganz Kavalier war er so nobel, meine Schwäche für Schokolade nicht zu erwähnen ;-)

Isbel: Beginnen wir doch mit ein paar Entweder-Oder-Frage:
Früh- oder Spätaufsteher?

Barbara: Spätaufsteher. Hey, ich schreibe bis 2 oder 3 Uhr morgens, da darf ich doch wohl bis 10 schlafen ;-)

Isbel: Hose oder Rock?

Barbara: Hose

Isbel: Vampir oder Werwolf?

Barbara: Vampir!!! (Irgendwann will ich auch einen Vampirroman schreiben.)

Isbel: Friedrich Schiller oder Karl May?

Barbara: Eindeutig Friedrich Schiller


© Fotostudio Floyd

Isbel: „Das Gift der Schlange“ ist dein Debütroman. Wie hat es sich angefühlt als du deinen Roman in fertiger Fassung vor dir liegen hattest?

Barbara: Unglaublich! Es war nicht mein erster veröffentlichter Text, ich hatte ja bereits wissenschaftlich publiziert und drei Erzählungen waren in Karl-May-Fanfiction-Anthologien erschienen. Aber als ich das Buch dann auspackte, strich ich ganz ehrfürchtig über das Cover, wog es in der Hand und blätterte immer wieder hinein. Noch so etwas, das der Marchese verschwiegen hat: Seine Romane stehen nämlich ebenfalls in meinem Regal.

Wenn du aber das fertige Manuskript meinst, kann ich nur sagen: berauschend. So geht es mir immer noch, denn ich schreibe ganz stark auf das Ende und auf den letzten Satz zu. Da setzt sich eine Urgewalt frei, die wie eine Lawine ist, und das letzte Gefühl im Text ist mir noch einige Stunden präsent. Ich hoffe, meinen Lesern auch.

Isbel: Gibt es Passagen in deinen Büchern, die du jetzt im Nachhinein anders geschrieben hättest?

Barbara: Ich würde mir den Beginn noch einmal ansehen, also die Salonszene und die Szene in der Wohnung des Herzogs. Manche Leser kommen sehr rasch in den Text, andere meinen, sie hätten zu Beginn Schwierigkeiten, und ich würde prüfen, ob ich hier die Lektüre erleichtern kann. Ansonsten bin ich absolut zufrieden mit jeder Szene.

Isbel: Riccardo Visconti Marchese della Motta – ein einprägsamer Name. Wie bist du auf ihn gekommen? Oder allgemeineiner gefragt: Wie wählst du die Namen für die Personen in deinen Geschichten?

Barbara: Primär gehe ich nach dem Klang. Ich wollte für den Marchese etwas Dunkles, das seine starke Persönlichkeit und sein Charisma zum Ausdruck bringt. Da er adlig ist, recherchierte ich italienische Adelsgeschlechter, musste aber darauf achten, dass die Linien ausgestorben sind und man ihn nicht irrtümlich mit realen Personen in Verbindung bringen kann.

Generell beachte ich die Herkunft einer Figur, also die regionale und soziale Zugehörigkeit, die Zeit, in der die Geschichte spielt, und den Charakter einer Figur. Ich fühle – und damit meine ich wirklich sinnlich spüren – ob der Klang hell oder dunkel sein muss, hart oder weich, ob er Zischlaute enthält oder kehlige Laute. Ich probiere mehrere Namen für eine Figur aus, bis das Gefühl wirklich passt.

Isbel: Wie haben sich die Charaktere beim Schreiben entwickelt? Du hattest doch sicherlich eine Grundidee zu Anfang. Sind die Charaktere der gefolgt oder haben sie sich im Laufe des Schreibens davon abgewendet?

Barbara: Beim Plot selbst hat mir keine der Figuren einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie arbeiteten mir allesamt zu und zeigten mir starke Lösungen für einzelne Szenen auf, doch die Grundidee blieb gleich. Der Marchese, die Gräfin und Giacomo waren im Großen und Ganzen diszipliniert, die anderen Hauptfiguren musste ich aber in den ersten Szenen nachbessern, weil mir ihre Motive erst im Laufe des Schreibens wirklich klar wurden. Vor allem der Kardinal änderte sich stark. In einem Punkt wurde ich aber wirklich überrascht: Ich plante eigentlich den Marchese als rationale, vernunftgeleitete Figur und die Gräfin als emotionale, um diese Pole aufeinanderprallen zu lassen. Letztlich entpuppte sich die Gräfin aber als sehr diszipliniert und der Marchese als extrem temperamentvoll. Unter der edlen, überlegenen, oft auch arroganten Fassade brodelt eine Leidenschaft, die eindeutig emotional ist. Das finde ich viel besser als den ursprünglichen Plan.

Isbel: Kennst du das Ende einer Geschichte schon zu Beginn des Schreibens?

Barbara: Ich kenne die letzten Szenen und das Gefühl, mit dem ich den Leser entlassen will. In "Das Gift der Schlange" wusste ich, um welche Entscheidung es geht, ließ mir aber offen, wie sie letztendlich ausfällt. Ich hatte ein und dieselbe Szene mit drei möglichen Schlüssen. In "Der Schwur der Schlange" stand auch die Entscheidung schon fest.

Isbel: Ohne etwas zu verraten. Brauchen deine Bücher ein Happy End oder darf es auch mal „Böse“ für einen Charakter enden? Würdest du liebgewonnene Personen zu Gunsten der Geschichte sterben lassen?

Barbara: Am liebsten sind mir ironische Enden, das sind solche, in denen die Figur ihr Ziel erreicht, aber dafür etwas opfern muss bzw. umgekehrt ihr Ziel verfehlt, aber etwas anderes dabei gewinnt. Persönlich liebe ich Tragödien im Schillerschen Stil, also mit Selbstaufopferung des Helden, der zwar untergeht, aber im Untergang noch siegt. Insofern ja, ich würde eine Figur sterben lassen. Aber ich würde eine Reihe nicht ohne meine Lieblingsfigur fortsetzen, sondern dann ist ihr Tod das fulminante Ende, in dem ich die Gefühle ein letztes Mal aufpeitsche.

Isbel: Damit hast du mich jetzt aber auf den allerletzten Marchese-Roman neugierig gemacht.
Die letzte Frage. Wenn du in der Zeit und Welt von Marchese leben müsstest und das grundlegende beeinflussen könntest, wie sähe dein Leben und deine gesellschaftliche Stellung dann aus? Würdest du Teil des Geheimbundes sein wollen?

Barbara: Ich würde auf jeden Fall nicht als Frau im 18. Jh. leben wollen. Die intellektuellen Bürger finde ich spannend, eben wie Schiller, Goethe usw., da entstanden so viele großartige Ideen und letztendlich geht unsere heute Gesellschaft auf die Aufklärung zurück. Geheimbünde waren damals modern, aber ich sehe sie auch skeptisch. Ich würde danach trachten, im Geheimbund aufzusteigen, wenn möglich an die Spitze zu kommen.

Isbel: Dann solltest du aber nicht im gleichen Geheimbund wie Marchese sein. Nicht dass ihr euch in die Quere kommen würdet.

Vielen Dank, dass du meine Fragen beantwortet hast!

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