{rezension} Schantall, tu ma die Omma winken!


Autor: Kai Twilfer
Verlag: Schwarzkopf & Schwarzkopf
Einband: Taschenbuch
Seiten: 208
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-86265-219-8




Erster Satz


"Es ist etwa ein Jahr her, dass sich mein Leben nicht nur plötzlich, sondern auf einschneidende Art und Weise verändert hat."


Klappentext


Unfreiwillig von der beschaulichen Kulturbehörde einer Kleinstadt in den Sozialdienst versetzt, wird der Sozialarbeiter Jochen mit der Unterschichtfamilie Pröllmann und deren Chaos-Tochter Schantall konfrontiert. Sein bizarrer Arbeitsalltag dreht sich ab sofort um Rückentattoos, Essen vom Fußboden und Hochzeitsfeiern im Saunaclub. Nach anfänglicher Orientierungslosigkeit in der Welt der Tuningschlitten und Glitzerhandys fängt er jedoch an, die Pröllmanns in sein Herz zu schließen. Schonungslos und höchst unterhaltsam berichtet Jochen von seinen Erlebnissen und skizziert den kuriosen Alltag einer bildungsfernen deutschen Familie. Während sein ambitionierter  Plan, Niveau in die Welt der Unterschicht zu bekommen, zum Scheitern verurteilt scheint, stellt sich ihm aus der Nähe betrachtet die Frage, ob nicht ein bisschen Schantall in jedem von uns steckt. Mit spitzer Feder schreibt Kai Twilfer über den unerschrockenen Sozialarbeiter Jochen und die schockierende Bildungs- und Niveauarmut in Deutschland.


Meine Meinung


Definition Satire laut Duden:  
"Kunstgattung (Literatur, Karikatur, Film), die durch Übertreibung, Ironie und [beißenden] Spott an Personen, Ereignissen Kritik übt, sie der Lächerlichkeit preisgibt, Zustände anprangert, mit scharfem Witz geißelt"
Diese Definition sollte man im Hinterkopf haben, wenn man sich entschließen sollte, dieses Buch zu lesen. Zu Beginn stellt sich dem Leser der Sozialarbeiter Jochen vor, der aufgrund eines Berufstausches á la Frauentausch bei RTL2 in den Beruf des Sozialarbeiters rutscht. Für mich eine vollkommene unlogische Erklärung, die ich, auch mit dem Wissen, dass dies ein satirischer Text ist, nicht nachvollziehen kann. In den nachfolgenden 10 Kapiteln erzählt uns Jochen Alltagsgeschichten aus dem Leben Schantalls, bei dem man sich jedes Mal fragt, wieso Jochen so gut darüber Bescheid weiß. Sicherlich flog er Schantall nicht in den Lloret de Mar Urlaub nach oder zog mit ihr durch die Discos des Ortes. Auch wenn ein bis zwei Mal erwähnt wurde, dass es ihm alles erzahlt wurde, stellt sich die Frage, warum Schantall einige Dinge überhaupt erzählen sollte. Wenn man aus der wertenden Sicht eines Protagonisten schreibt, dann sollte man dies auch so tun, dass es für den Leser logisch ist, warum der Erzähler weiß, was er weiß. Meiner Meinung nach, hätte der Autor den Sozialarbeiter Jochen auch komplett streichen können. Die wertende Beschreibung des Geschehens hätte auch ein allwissender Erzähler übernehmen können.
In den Kapiteln selbst werden "Unterschichten"-Klischees aufgenommen, total überspitzt in einer "Schantall-Geschichte" beschrieben und dann in einem Abschnitt mit der Überschrift "Was hängen blieb" analysiert. Nach den ersten drei Kapiteln konnte ich schon erahnen, welche Klischees noch auftauchen werden; habe ich selbst doch auch schon mal das Nachmittagsprogramm einiger Privatsender gesehen oder die schon erwähnte Sendung  "Frauentausch".
Die wertende Beschreibung besteht hauptsächlich aus Zynismus und wertet alles ab, was nicht "normal" oder von konservativen Leuten als "schön" betitel wird. Personen, die übergewichtig sind ["Die Vorteile dieser körperlichen Deformation liegen klar auf der Hand. Ein Busen dieses Gewichtes und dieser Größe kann nicht zu einem Hängebusen werden, da er zwar im Laufe der Jahre durch die Schwerkraft geködert wird, jedoch immer auf dem kugeligen Bauchansatz zu liegen kommt. (S. 14)"], Leute mit Tattoos und noch viele andere werden einfach nur beleidigt. Wer solche Beleidigungen (für mich persönlich hat das nichts mehr mit Satire zu tun) lustig findet, hat sicherlich viel Spaß mit dem Buch.  
Auf der anderen Seite muss ich aber sagen, dass ich bei einigen Dinge schon bei mir dachte: "ja, das ist mir auch schon einmal begegnet." Nehmen wir das schon erwähnte Beispiel der übergewichtigen Personen, um nicht zu viel zu Spoilern. Im Text prangert der Autor an, dass sich viele jüngere Frauen Kleidung ein-zwei Nummern zu klein kaufen. Und sowas muss ich gestehen, sieht man leider auch sehr oft, vor allem wenn man im Sommer durch Einkaufspassagen läuft.
Zum Abschluss noch zum sogenannten "Kevinismus", der auch ständig im Buch angesprochen wird. Genau solche Bücher und auch die sogenannten "Hartz4"-Programmen sorgen doch erst dafür, dass Namen negativ assoziiert werden. Ich kenne Kevins, die aus "gutem" Hause kommen, welche die studieren und ja auch welche, die aus sozialbenachteiligen Familien kommen. Und der Name hat sicherlich nichts mit dem Werdegang der betreffenden Person zu tun.
 
Ich hatte mir schon länger überlegt das Buch zu kaufen, aber es immer wieder aufgeschoben. Hätte ich das mal weitergemacht. Wer sehr bösartige Satire mag, dem könnte das Buch gefallen. Ich selbst mag weder den Schreibstil, noch die Art der Satire und vor allem die Logikfehler waren mir ein Dorn im Auge.


Bewertung

 

 

Autor


Kai Twilfer, 1976 in Gelsenkirchen geboren, studierte Wirtschafts-wissenschaften in Bochum. Noch während des Studiums gründete er eine Produktionsfirma für Werbefilme und arbeitete unter anderem beim WDR-Fernsehen. 2002 gründete er einen Großhandel für Regionalia, mit dem er im Ruhrgebiet selbstständig ist. Kai Twilfer ist verheiratet und widmet einen Großteil seiner Zeit der Beobachtung und Analyse skurriler Alltagsphänomene.


Kommentare:

  1. Oh, wie sehr stimme ich dir hier zu!
    Dabei mag ich bösartige Satire normalerweise. Ich mag es, wenn es so böse ist, dass man überlegen muss, ob man überhaupt lachen darf. Aber dieses Buch gehört zu den wenigen, die ich gern demonstrativ auf irgendeine Art zerstört hätte. Das RTL-Nachmittagsprogramm ist schon oft überspitzt und zementiert Vorurteile, aber dieses Buch hier geht noch weit darüber hinaus und ich fand es regelrecht menschenverachtend.
    Dann damals zu erfahren, dass der Autor noch nicht einmal Ahnung vom Thema hat, und sich als Bessergestellter anmaßt, über eine ganze Gesellschaftsschicht zu richten, hat dem Fass damals bei mir den Boden ausgeschlagen.

    Dabei war das Buch eine Empfehlung meiner besten Freundin. Da hatte ich einen Moment drüber nachgedacht, ob eine Freundschaft auf solchen Unterschieden stehen kann. (Wenn man nie wieder drüber redet: Ja.) :D

    Ich bin froh, dass ich es nicht als Einzige kritisch sehe. Die Fortsetzung(en?) hab ich auch nicht mehr angetan.

    Liebe Grüße
    Taaya

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    1. Hey Taaya,

      ich mag es auch gerne böse, aber hier war für mich die Grenze zwischen Beleidigung und Zynismus eindeutig überschritten. Ich weiß gar nicht, warum ich das Buch überhaupt zu Ende gelesen hatte. Die Fortsetzungen habe ich auch ignoriert.

      Gruß Isbel

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